[Revew] O'Brien, Caragh - Die Stadt der verschwundenen Kinder

Gebundene Ausgabe (mit Schutzumschlag)
Erschienen: 2010
Originaltitel: Birthmarked
Sprache: Deutsch
Seiten: 462
Verlag: Heyne
ISBN: 978-3-453-52800-0
Preis: 16,99 €
Altersempfehlung: ab 14 Jahren





Über die Autorin:

Caragh O’Brien wuchs in Minnesota auf und studierte Literatur und Kreatives Schreiben. Nach dem Studium begann sie als Highschool-Lehrerin zu arbeiten und entdeckte nebenbei die Freude am Schreiben. “Die Stadt der verschwundenen Kinder” ist ihr erstes Jugendbuch und hat in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien viel Aufsehen erregt. Caragh O’Brien ist verheiratet, hat drei Kinder und lebt mit ihrer Familie und zwei Wüstenmäusen in Conneticut.


Klapptext:

Es ist eine harte, unbarmherzige Welt, in der die sechszehnjährigen Gaia aufwächst. Alles ist rationiert: Nahrung, Kleidung, Unterhaltung, und jeder träumt von einem besseren Leben. Das ist jedoch nur wenigen Auserwählten vorbehalten, die in einer geheimnisvollen Stadt leben, durch eine unüberwindliche Mauer von der Außenwelt abgeschirmt. Allen anderen ist der Zutritt verboten, und sie müssen sich mit dem zufrieden geben, was die Enklave ihnen zuteilt, denn sie sind von den Vorräten der Stadt abhängig. Der Preis dafür ist hoch: Jeden Monat müssen die ersten drei Neugeborenen an der Mauer abgegeben werden. Wer sich weigert, wird mit dem Tod bestraft, das gilt besonders für Hebammen wie Gaia und ihre Mutter. Gaia hatte nie an diesem Gesetz gezweifelt – bis eines Tages ihre Eltern verhaftet werden. Auf einmal ist sie ganz allein und sie beginnt Fragen zu stellen: Was geschieht mit den verlorenen Kindern? Warum hat noch nie jemand dagegen aufbegehrt? Gaia begibt sich heimlich in die verbotene Stadt, um Antworten zu finden, und sie macht eine Entdeckung, die das Schicksal der Menschen diesseits und jenseits der Mauer für immer verändern wird.


Meinung:

Dieses Buch habe ich mir seinerzeit aus zwei Gründen zugelegt: erstens, es ist eine Dystopie und zweitens, es hat ein wirklich schönes Cover. Ich weiß, man sollte eigentlich nie ein Buch wegen seines hübschen Covers kaufen, aber hier konnte ich einfach nicht widerstehen, auch wenn es mich unglaublich an “Glimmerglass” von Jenna Black (falls einer fragt: Nein, ich habe das Buch nicht gelesen, es ist nur schon eine ganze Weile auf meiner Wunschliste – und war es auch schon bevor “Die Stadt der verlorenen Kinder” auf meinen SuB wanderte. *hust*) erinnert. Glücklicherweise bereue ich den Kauf auch nach dem Lesen des Werkes nicht, auch wenn ich bestimmte Aspekte und deren Feinheiten im Detail etwas kritisch betrachte und als nicht ganz schlüssig empfinde. Aber dazu gehe ich gleich noch näher drauf ein.


Vorab möchte ich auch gern darauf hinweisen, dass ich möglicherweise sehr weit ins Detail gehe, weswegen sich der eine oder andere evtl. gespoilert fühlen könnte. Aber ich werde mich wirklich aufrichtig bemühen, über die eigentliche Handlung und deren Ausgang nichts zu verraten.  

Idee und Altersempfehlung
Ausnahmsweise gehen diese beiden Aspekte bei mir Hand in Hand. Ich finde die Idee von einer Hebammengeschichte in einer Dystopie wirklich gut und ungewöhnlich, weswegen allein die Story sich schon von den ganzen Standard-Dystopien abhebt. Allerdings ist es auch die Hebammentätigkeit und damit verbundene Handlungen – direkt oder indirekt – der Protagonistin, die mich zu der Auffassung gelangen ließen, dass hier wirklich eine Altersempfehlung ab 14 Jahren geeignet erscheint.

Cover
Wie bereits erwähnt, finde ich das Cover sehr hübsch. Einziger Nachteil daran ist, dass es meiner Meinung nach nicht wirklich zur Geschichte passt, es sei denn, man würde hier weit ausholen, um möglicherweise auf die Zweigesichtigkeit der dargestellten Gesellschaft zu sprechen zu kommen. Aber ein Aspekt der mir wirklich gut hieran gefällt ist, dass das Cover für den bisher in Deutsch erschienen zweiten Band der Reihe beibehalten wurde – allerdings mit farblichen Unterschieden, was ich sehr begrüße.

Sprachliche Gestaltung/Umsetzung
Sprachlich gesehen, war die Geschichte von Gaia wirklich sehr gut und angenehm zu lesen, wenn auch zeitweise etwas schwerfällig und an manchen Stellen, wo die Geschichte ins Stocken geraten war, etwas langgezogen. Dennoch habe ich das Buch mit seinen knappen 460 Seiten recht schnell ausgelesen gehabt und auch zeitweilig richtiggehend genossen, weil die Story an sich interessant war und ich hoffte, einige Detailfragen beantwortet zu bekommen. Leider blieben besagte Detailfragen größtenteils unbeantwortet.

Erzählt wird die Geschichte von Gaia aus deren Perspektive in der Ich-Form, was es mir wirklich erleichterte, in die Geschichte zu finden. Allerdings wirkte Gaia oft emotionslos und distanziert, ja fast lethargisch auf mich wie sie ihrem Alltagstrott folgte. Gern hätte ich Gaia lebendiger erlebt und nicht auf diese kalte distanzierte Art und Weise. Jedoch schafften es die Rückblenden, die mir Gaia zwar nicht zur Gänze verständlicher machten, dafür aber vertrauter, eine gewisse charakterliche Tiefe zu erzeugen, die allerdings immer noch ausbaufähig ist, denn auch hier gibt es wieder den Stichpunkt emotionale Tiefe, der einfach nicht erreicht wird.

Ein schwarzer Punkt in der Umsetzung ist eindeutig, dass ich als Leser zwar schon erfahren habe wie vom Grundprinzip die Enklave mit ihren Randgebieten aufgebaut ist, allerdings nicht deren geschichtlicher Hintergrund. Es wurde zwar erwähnt, dass sich die ersten Siedler dort niedergelassen hatten und die Enklave bildeten und als weitere Zuwanderer ihren Weg dorthin fanden, ihr Heim nicht in der Enklave gründen durften, sondern in den Randgebieten, weil die ursprünglichen Siedler unter sich bleiben wollten. Die Frage, die sich mir hier stellt, ist die, dass ich gerne wüsste, wie die ursprünglichen Siedler ihren Weg dahin gefunden, wie ihr System wirklich funktioniert und wie es kommt, dass diese Gesellschaft einerseits so fortgeschritten und andererseits wieder so hinterwäldlerisch ist. Wie entwickelte sich die Technologie? Wie funktioniert das Regierungssystem? Kann man die Protektor-Familie gleich einer Königsfamilie stellen? Wie funktioniert das Rechtssystem? Wer darf und wer soll Recht ausüben? Wie sehen die gesellschaftlichen Strukturen innerhalb der Enklave aus? Es wird zwar angedeutet, dass nur Mitglieder der Protektor-Familie weiß tragen, aber wie setzt sich der Rest der Gesellschaft zusammen. Welche Farbe trägt welche Gesellschaftsschicht und warum? Wie funktioniert das Bildungssystem?

Neben den Fragen zu den gesellschaftlichen bzw. geschichtlichen Aspekten der Enklave fand ich auch den Aspekt mit dem Bildungssystem recht fraglich. Einerseits erklärt Gaia in der Geschichte ja selbst, dass sie selbst gern in der Enklave groß geworden wäre, weil sie dann hätte eine Schule besuchen und studieren können. Andererseits, wie sich im Verlauf der Geschichte herausstellte, war Gaia in der Lage zu lesen, zu schreiben und hatte schon sehr detailliert Ahnung von Genetik, was ohne eine entsprechende Schulbildung schwerlich zu bewerkstelligen ist. Wie kommt es also, dass diese junge Frau, die angeblich keine Schulbildung genossen hat, lesen und schreiben kann sowie Ahnung von Genetik hat? Ein Punkt, der mich wirklich stört und den ich wirklich sehr fraglich finde. Selbst wenn, wie Gaia ja selbst erwähnt, einige Dinge über Genetik im Allgemeinen im Tvaltar (ein Ort an dem ausgesuchte Filme gezeigt werden, zu dem aber nicht jeder Bürger der Randgebiete Zugang hat) zu sehen bekommen hat, erklärt das immer noch nicht ihr fundiertes Wissen im Spezifischen. Vielleicht bin ich einfach nur zu kritisch, aber das stört mich ungemein. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie sehr es mich stört, dass sich dieser Aspekt einfach nicht schlüssig in die Geschichte einfügt. Zum Haareraufen ist das! Neben ihrem Wissen fragte ich mich auch, wie sie zu ihrem medizinischen Fachwissen gekommen ist. Klar, sie hat es von ihrer Mutter beigebracht bekommen. Aber von wem hatte ihre Mutter es? Ist Hebammendasein für die Frauen von Gaias Familie sozusagen deren Berufung? Wird das Fachwissen von Generation zu Generation weitergeben? Fragen über Fragen und keine Antworten in Sicht. *seufz*

Die Geschichte von Gaia wäre kein Jugendbuch, wenn es auch hier nicht den schwindend geringen Ansatz einer Liebengeschichte geben würde, die allerdings wirklich sehr, sehr weit im Hintergrund plätscherte und auf die man eigentlich hätte fast verzichten können, da es hier eindeutig an Romantik und Emotionen – nicht nur in der Geschichte, sondern auch zwischen den Charakteren – mangelt.

Die Charaktere (auszugsweise)
Nun komme ich mal zu einem Tagesordnungspunkt, mit dem ich auch nicht wirklich zufrieden bin, da man, wenn man es genau nimmt, eigentlich nicht sehr vielen aussagekräftigen Charakteren begegnet, die geschichtlich relevant sind. Auch sind die auftretenden Haupt- wie Nebencharaktere nicht gerade prägend dargestellt, sondern eher blass und zeitweise sogar ein wenig leblos.

Gaia
Die Protagonistin der Geschichte, mit der ich nicht immer konform ging und deren Handlungsweisen ich auch nicht immer nachvollziehen konnte. Einerseits folgt sie ihrem Alltag schon fast lethargisch – monatelang wohlgemerkt – und dann von einem auf den anderen Moment entdeckt sie ihre Abenteuerlust, will in die Enklave einbrechen um ihre Eltern zu finden und herausfinden, was denn nun eigentlich vorgeht. Eigentlich hätte ich das ehrlich gesagt schon ein wenig früher erwartet. Auch, dass sie sich über ihre eigenen Handlungen wenig Gedanken macht und das System nicht hinterfragt, finde ich es unverständlich. Wenig nachvollziehbar fand ich auch, dass sie nicht einmal versucht hat, herauszufinden, ob eine Möglichkeit besteht, dass sie ihre Eltern besuchen kann, um mit ihnen zu sprechen und herauszufinden, ob diese überhaupt noch am Leben sind. Sich einfach hier nur auf das System zu verlassen, um es im nächsten Moment zu hinterfragen, erscheint nicht nur widersprüchlich, sondern auch wenig nachvollziehbar. Ebenso die Tatsache, dass sie niemals sagt hinterfragt, warum die Enklave sozusagen als “Zahlung” Neugeborene haben will und wie es dabei den Eltern geht, die ihre Kinder abgeben müssen. Ehrlich gesagt, fand ich es schon fast verzweifelnd und beeindruckend zugleich, wie intelligent Gaia einerseits ist und andererseits auch wieder nicht. Kopfschmerzpotential, wie ich feststellen muss.

Leon
Leon ist der Adoptivsohn des Protektor, der sich zum Militärdienst bereit erklärt hat, nachdem ihm seine Familie wegen eines Verbrechens gegen den Staat verstoßen hat. Er befragt Gaia kurz nachdem ihre Eltern abgeführt worden sind und unterstützt sie auf ihrem Weg auf seine Weise und den ihm zur Verfügung stehenden Mittel. Beeindruckend fand ich ehrlich gesagt, dass ein Verbrechen gegen den Staat (genetische Sauberkeit) höher bestraft zu werden scheint als wenn jemand einen anderen tötet. Ein etwas fragwürdiges System, dessen Funktionalität, wie bereits erwähnt, leider nicht näher erläutert worden ist. Auch wenn Leon nur ein selten auftretender Charakter ist, ist er mir dennoch sehr sympathisch, wenn auch etwas undurchsichtig, erschienen und ich hoffe wirklich, ihn in den Folgebänden, die ich auf jeden Fall lesen werde (egal wie zickig ich gerade erscheine), wiedersehen werde und dann hoffentlich mit etwas mehr Charaktertiefe, denn in ihm steckt mehr als ich hier als Leser geboten kam!

Bartlett
Bartlett ist ein Soldat in der Enklave, der mit Gaia sympathisiert und ihr auch hilft. Natürlich ist auf den ersten Blick ersichtlich, warum er ihr hilft, auch wenn die beiden eine ganz genaue Erklärung brauchen, warum. Auch ihn hoffe ich inständig, in den Fortsetzungen wieder zu sehen.

Natürlich gab es noch eine Menge mehr Charaktere, aber ich habe mir jetzt erst einmal nur diejenigen herausgesucht, die in gewisser Weise die zentralen Charaktere bilden und die sicherlich (oder eher hoffentlich) im weiteren Verlauf der Geschichte noch eine tragende Rolle spielen werden. *hibbel*

Insgesamt gesehen, ist das Zusammenspiel von Grundidee, Erzählstil, Umsetzung und dem Charakterdesign angenehm und bereitet (mit kleinen Abstrichen) Vergnügen zu lesen. Dennoch hoffe ich sehr (doch dafür sehe ich aufgrund der doch recht negativen Bewertungen zum Folgeband schwarz), dass sich die Geschichte und deren Charaktere noch steigern werden. Bisher ist die Geschichte von Gaia für mich nur eine rein durchschnittliche Geschichte, die Potential bietet, mehr daraus zu machen.


Bewertung:

Durchschnittlich umgesetzte, aber dennoch recht interessante Dystopie, die mit der Hebammen- und Genetikthematik jedoch ungewöhnlich ist und aus der Masse in gewisser Weise herausragt. 


Infos zur Reihe:
  1. Birthmarked (dt. Ausgabe: Die Stadt der verschwundenen Kinder)
  2. Prized (dt. Ausgabe: Das Land der verlorenen Träume)
  3. Promised (dt. Ausgabe: Titel und Erscheinungdatum bisher nicht bekannt)

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